Warum überhaupt Werte?
In der Soziologie gelten Werte und Normen als eine wesentliche Grundlage sozialen Zusammenhalts: Sie geben Orientierung für soziale Beziehungen und gemeinschaftliches Handeln. Werte prägen, wie Menschen miteinander umgehen, Verantwortung übernehmen und gemeinsame Ziele verfolgen.
Moderne Forschung zu anpassungsfähigen Organisationen und resilienten Gemeinschaften zeigt darüber hinaus, dass gemeinsame Werte gerade unter Unsicherheit und in Krisen wesentlich dazu beitragen können, Kohäsion, Anpassungsfähigkeit und Resilienz zu stärken. Sie beeinflussen, wie gut Menschen zusammenarbeiten, Entscheidungen treffen, lernen und auf Veränderungen reagieren.
Gemeinsame Werte können wesentlich mitentscheiden, wie anpassungsfähig und resilient eine Gemeinschaft unter Stress ist.
Ein anschauliches Beispiel aus der Natur
Graphit und Diamant bestehen aus denselben Kohlenstoffatomen. Im Diamanten bilden starke Bindungen ein dreidimensionales Netzwerk und machen ihn zum härtesten natürlichen Material. Im sehr weichen Graphit sind die Atome dagegen in Schichten angeordnet, die nur schwach miteinander verbunden sind und sich leicht gegeneinander verschieben und abtrennen lassen.
Analog werden auch soziale und wirtschaftliche Systeme wesentlich durch die Beziehungen und den Austausch zwischen ihren Mitgliedern geprägt. Starke Bindungen innerhalb einzelner Gruppen bei gleichzeitig schwachen Verbindungen zwischen ihnen schaffen eine andere Struktur als eine tragfähige Vernetzung über die gesamte Gemeinschaft hinweg. Wie diese Beziehungen gestaltet sind und welche Werte sie prägen, kann wesentlich mitentscheiden, wie anpassungsfähig und resilient eine Gemeinschaft ist.
Gemeinsame Werte als Grundlage für regionale Initiativen
Gespräche mit regionalen Initiativen sowie die Auswertung ihrer Websites und Unterlagen zeigen: Neben materiellen Bedürfnissen und Interessen spielen auch immaterielle Werte und Ziele eine wichtige Rolle – unabhängig davon, ob die Initiativen säkular oder weltanschaulich geprägt sind.
Diese Werte gehen deutlich über die aus der modernen kapitalistischen Ökonomie bekannte Orientierung am individuellen Eigennutzen hinaus. Im Mittelpunkt stehen auch die Interessen der Mitwirkenden und der Gemeinschaft insgesamt sowie die Belange der Natur – und dies nicht allein aufgrund materieller Anreize.
Beispiele für solche Werte sind Liebe, Mitgefühl, Nachsicht, Vertrauenswürdigkeit, Mut, Demut, Zusammenarbeit und die Bereitschaft, sich für das Gemeinwohl einzusetzen. Hinzu kommt die systematische Entwicklung der eigenen Fähigkeiten und der Fähigkeiten der Gemeinschaft.
Für die Resilienz regionaler Versorgungssysteme werden diese Werte vor allem über drei Hebel wirksam: Sie stärken den Zusammenhalt untereinander und die Verbundenheit mit der Natur (Kohäsion), fördern die Entwicklung fachlicher, sozialer und moralischer Kompetenzen und schaffen die Grundlage für gemeinsames Lernen und Handeln.
Kohäsion stärken bedeutet: Zusammenhalt, bereichernde Beziehungen und gegenseitige Verantwortung fördern.
Kompetenzen entwickeln bedeutet: fachliche Fähigkeiten mit sozialen und moralischen Kompetenzen verbinden.
Eigenständiges kollektives Lernen bedeutet: Probleme durch gemeinsame Beratung verstehen, Lösungen entwickeln und verantwortlich handeln – ohne sich von externer Hilfe abhängig zu machen.
Diese drei Hebel verstärken sich gegenseitig und fördern regionale Versorgungssysteme, die anpassungsfähiger und resilienter gegen unerwartete externe Veränderungen oder gar Schocks sind.
Wie stärken regionale Initiativen Nachhaltigkeit und Resilienz?
I) Sie verstärken Kohäsion: Gemeinschaft-Nachbarschaft-Natur
Zusammenarbeit, Vertrauen und Beziehungen zur Natur und zum regionalen Umfeld bewusst weiterentwickeln und über rein funktionale Zusammenarbeit hinaus vertiefen.
Die natürliche Umwelt, auch die Tiere, werden dabei ausdrücklich mit eingeschlossen und nicht über das hinaus belastet, was sie ertragen können.
II) Sie entwickeln Kompetenzen, die zusammengehören, aus einem Guss (kohärent)
Fachliche, soziale und moralische Fähigkeiten so entwickeln, dass sie sich gegenseitig verstärken und Menschen handlungsfähiger machen.
III) Sie schaffen eine Kultur des gemeinsamen Lernens und Handelns, um die Dinge zu verbessern
Praktische Erfahrungen gemeinsam auswerten, Lösungen weiterentwickeln und Entscheidungen möglichst nah an der konkreten Situation treffen.
Warum gelingt das regional am besten?
Weil wir schneller Rückmeldungen bekommen, ob wir richtig unterwegs sind und nachsteuern können.
Kurze Wege: Produzierende, Verarbeitende und Verbrauchende rücken enger zusammen, erkennen Veränderungen an Boden und Wasser schneller und können unterschiedliche Interessen direkt miteinander austarieren.
Anpassung an Bedingungen vor Ort: Was in Tirol funktioniert, lässt sich nicht einfach auf Brandenburg übertragen – wohl aber unter Berücksichtigung lokaler Gegebenheiten bei Boden, Wasser, Betriebsgrößen, Infrastruktur, Wissen und Technik anpassen.
Verteiltes Risiko und gemeinsames Lernen: Dezentrale Strukturen führen zu unterschiedlichen Lösungswegen. Risiken bleiben dadurch begrenzter, während sich bewährte Ansätze verbreiten und miteinander verbinden können.