Adasiyyah

Ein historisches Beispiel für nachhaltige und resiliente Landwirtschaft als ökologisch-soziales System

Adasiyyah ist eine ländliche Region in Jordanien, südlich des Yarmuk-Flusses nahe dem See Genezareth, die zu Beginn des 20. Jahrhunderts landwirtschaftlich wenig entwickelt war. Große Teile der Flächen lagen brach, Wasser war knapp, und die Versorgung der Bevölkerung war unsicher.

Vor diesem Hintergrund entstand zwischen 1910 und 1950 eine Initiative, die darauf abzielte, landwirtschaftliche Produktion aufzubauen und gleichzeitig die Zusammenarbeit innerhalb der Gemeinde und mit der Umgebung zu stärken. Dabei gelang es unter anderem, im Ersten Weltkrieg Lebensmitteln für Haifa bereitzustellen und so zur Abwendung einer Hungersnot beizutragen.

Die beteiligten Bauern waren aus dem Iran nach Adasiyyah gekommen, initiiert durch Abdu’l-Bahá. Sie passten ihre Anbaumethoden an die lokalen Klimaverhältnisse an und führten unter anderem neue Obstsorten sowie angepasste Bewässerungstechniken ein.

Auswärtige Besucher des Kibbuz En-Gev beschreiben ihre Eindrücke wie folgt:

„Der größte Teil des Landes ist mit Gärten bepflanzt, ein Obstgarten mit Granatäpfeln verschiedener Sorten...

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass wir hier einen perfekten gemischten Bauernhof gesehen haben …

Es ist schwer zu beschreiben, dass es in einer so abgelegenen Ecke solchen Reichtum und solche Schönheit gibt …”

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Eindrücke von Landwirtschaft und Gemeinschaft

Was wurde konkret erreicht?

  • Boden fruchtbar halten

    Systematische Einführung von Fruchtfolgen mit Getreide (Weizen, Gerste) und Leguminosen zur aktiven Bodenverbesserung

    Konsequente Nutzung organischer Düngung durch eigene Viehhaltung (Rinder, Schafe, Ziegen, Geflügel)

    Kaum brachliegende Flächen; kontinuierliche Nutzung bei gleichzeitigem Aufbau von Bodenstruktur und Humus

    Einführung neuer Kulturen (Gemüse, später Obst und Wein), die eine intensivere und differenziertere Bodennutzung ermöglichten

    Sichtbare Transformation von degradiertem, überwuchertem Land zu dauerhaft produktiven Flächen

    Ergebnis: steigende und stabilere Erträge bei gleichzeitig verbesserter Bodenqualität

  • Wasser im System halten

    Bau eines Damms/Wehrs am Yarmuk zur kontrollierten Wasserverfügbarkeit

    Anlage und gemeinschaftliche Instandhaltung von Bewässerungskanälen

    Einführung von Bewässerungsmethoden, die Wasser gezielt auf den Flächen halten (z. B. Beckenbewässerung)

    Kombination von Bewässerung und Bodenaufbau, sodass Wasser besser im Boden gespeichert wurde

    Vegetationsaufbau (inkl. Bäumen), der Mikroklima und Wasserhaushalt stabilisierte

    Ergebnis: verlässliche Wasserversorgung trotz schwieriger klimatischer Bedingungen und deutlich erhöhte Nutzungseffizienz

  • Regionale Versorgung stabilisieren

    Übergang von reiner Selbstversorgung zu stabilen Überschüssen durch steigende Produktivität und Diversifizierung

    Verkauf landwirtschaftlicher Produkte auf regionalen Märkten (u. a. Akká, Haifa, Tiberias, Damaskus)

    Breite Produktionsbasis (Getreide, Gemüse, Obst, tierische Produkte), die Ausfälle einzelner Kulturen abfedern konnte

    Ergänzende Einkommensquellen (z. B. Handwerk, Weiterverarbeitung), die wirtschaftliche Stabilität erhöhten

    Ergebnis: stabile regionale Versorgung mit überregionaler Wirkung – auch unter Krisenbedingungen

    Entscheidender Effekt: Während des Ersten Weltkriegs trug die Produktion aus Adasiyyah dazu bei, die Versorgung der Region zu sichern und eine Hungersituation in Haifa abzuwenden.

  • Beziehungen und Kompetenzen entwickeln

    Systematischer Aufbau von Wissen in Landwirtschaft, Naturwissenschaften und Geographie

    Einrichtung einer Schule mit strukturiertem Unterricht (inkl. Arabisch zur Integration und später Englisch)

    Lernen durch Praxis: kontinuierliche Verbesserung von Anbaumethoden, Werkzeugen und Bewässerungstechniken

    Aufbau lokaler Institutionen (gewähltes Gremium, Landwirtschaftsausschuss) zur eigenständigen Organisation

    Klärung von Konflikten (z. B. Wasserrechte, Landnutzung) durch Beratung statt Eskalation

    Aktiver Aufbau tragfähiger Beziehungen zum Umfeld durch Sprache und persönliche Kontakte

    Ergebnis: hohes Ansehen der Gemeinschaft, hier Besuch jordanischer König, stabile Zusammenarbeit intern wie extern

    Entscheidender Effekt: Die Initiative war bis zum Ausbruch der arabisch israelischen Kriege Vorzeigeprojekt der jordanischen Regierung

Beobachtbare Nachhaltigkeitsfaktoren

  • 1. Einheit der Menschheit (Kohäsion)


    Beobachtung: Die Gemeinschaft verstand sich nicht als isolierte Gruppe, sondern als Teil eines größeren sozialen und wirtschaftlichen Zusammenhangs. Dies zeigte sich konkret in der aktiven Einbindung in regionale Märkte (Akká, Haifa, Damaskus), im Austausch mit der umliegenden Bevölkerung sowie in der bewussten Gestaltung wirtschaftlicher Beziehungen über die eigene Gemeinschaft hinaus.

    Wirkung: Stabile Einbettung in regionale Strukturen, reduzierte Konflikte und verlässliche wirtschaftliche Austauschbeziehungen, die Produktion und Versorgung langfristig absicherten.

  • 2. Menschheit als Treuhänderin der Natur (Kohäsion)


    Beobachtung: Landwirtschaft wurde nicht als kurzfristige Ausbeutung von Ressourcen betrieben, sondern als bewusste Pflege und Entwicklung des Landes: Einführung von Fruchtfolgen, Nutzung von Leguminosen zur Bodenverbesserung, organische Düngung durch Tierhaltung sowie gezielte ökologische Maßnahmen wie die Pflanzung von Eukalyptus zur Verbesserung von Gesundheit und Umweltbedingungen.

    Wirkung: Langfristig steigende Bodenfruchtbarkeit, verbesserter Wasserhaushalt und Stabilisierung der Produktionsgrundlagen unter schwierigen klimatischen Bedingungen.

  • 3. Kohäsion: Gerechtigkeit und gleichberechtigte Beziehungen (Kohäsion)

    Beobachtung: Im Gegensatz zu den damals üblichen Verhältnissen mit sehr hohen Abgaben wurde ein wirtschaftliches Modell etabliert, das den Bauern einen deutlich größeren Anteil an den Erträgen sicherte. Zusätzlich wurde empfohlen, Arbeitskräfte am Gewinn zu beteiligen. Konflikte innerhalb der Gemeinschaft wurden durch Beratung gelöst, nicht durch Machtentscheidungen.

    Wirkung: Erhöhte Motivation, wirtschaftliche Stabilität der Haushalte und tragfähige, als gerecht empfundene Beziehungen innerhalb der Gemeinschaft und gegenüber Arbeitskräften.

  • 4. Universelle Beteiligung (Kohäsion)


    Beobachtung: In zentralen Fragen der Landwirtschaft und Ressourcennutzung wurden gewählte Gremien und Ausschüsse aufgebaut. Entscheidungen und Konflikte wurden nicht nur von Einzelnen getragen, sondern gemeinschaftlich beraten und organisiert.


    Wirkung: Höhere Beteiligung, größere Akzeptanz von Entscheidungen und stärkere gemeinsame Verantwortung für die Entwicklung der Gemeinschaft.

  • 5a: Handwerklich–wissenschaftlich–technische Fähigkeiten (Kompetenzentwicklung)

    Beobachtung: Einführung und kontinuierliche Verbesserung konkreter landwirtschaftlicher Praktiken: Fruchtfolgen, Integration von Tierhaltung, Aufbau von Bewässerungssystemen (Damm, Kanäle), Diversifizierung der Produktion sowie Anpassung der Methoden an lokale Bedingungen. Parallel dazu systematische Vermittlung von Wissen in Landwirtschaft, Naturwissenschaften und Geographie.

    Wirkung: Steigende Produktivität, effizientere Ressourcennutzung und die Fähigkeit, technische und agrarische Probleme eigenständig zu lösen.

  • 5b. Geistige Fähigkeiten (Kompetenzentwicklung)


    Beobachtung:
    Gezielte Förderung von Verantwortungsbewusstsein, Selbstdisziplin und Orientierung an gemeinschaftlichem Nutzen durch geistige Bildung und Unterweisung. Diese war eng mit dem praktischen Leben verbunden und nicht von der wirtschaftlichen Tätigkeit getrennt.

    Wirkung:
    Stabile innere Motivation, verlässliches Verhalten auch unter schwierigen Bedingungen und langfristige Ausrichtung des Handelns über kurzfristige Vorteile hinaus.

  • 5c.Sozial und moralische Fähigkeiten (Kompetenzentwicklung)

    Beobachtung: Aufbau von Fähigkeiten zur Zusammenarbeit, zur gemeinsamen Entscheidungsfindung und zur Konfliktlösung durch Beratung. Aktiver Aufbau persönlicher Beziehungen im Umfeld (u. a. durch Erlernen der arabischen Sprache und Aufbau von Freundschaften).

    Wirkung: Hohe Kooperationsfähigkeit, reduzierte Konfliktkosten und stabile soziale Beziehungen innerhalb der Gemeinschaft und im regionalen Umfeld.

  • 6. Kriterien für tragfähigen Fortschritt (Kollektives Lernen)


    Beobachtung: Fortschritt wurde nicht nur an kurzfristigen Erträgen gemessen, sondern an stabiler Produktion, verbesserter Versorgung, wachsender Selbstständigkeit und langfristiger Entwicklung der Gemeinschaft. Entscheidungen orientierten sich an der langfristigen Tragfähigkeit des Systems.

    Wirkung: Vermeidung kurzfristiger Übernutzung von Ressourcen und Aufbau eines stabilen, über Jahre funktionierenden Produktions- und Lebenssystems.

  • 7. Entscheidung auf geeigneter Ebene treffen (Kollektives Lernen)

    Beobachtung:
    Lokale Entscheidungen wurden durch gewählte Gremien und Ausschüsse getroffen, insbesondere in Fragen der Landwirtschaft und Ressourcennutzung. Konflikte und Probleme wurden dort gelöst, wo die praktische Kenntnis vorhanden war.

    Wirkung: Effiziente Entscheidungsprozesse, schnelle Anpassung an lokale Bedingungen und hohe Akzeptanz der getroffenen Entscheidungen.

  • 8. Optimale Lösungen durch gemeinsame Beratung entwickeln (Kollektives Lernen)

    Beobachtung: Zentrale Entscheidungen und Konflikte wurden durch strukturierte Beratung innerhalb der Gemeinschaft getroffen. Dabei wurden unterschiedliche Perspektiven eingebracht und Lösungen gemeinsam entwickelt, anstatt durch Autorität vorgegeben zu werden.

    Wirkung: Bessere Qualität der Entscheidungen, höhere Identifikation mit den Lösungen und kontinuierliche Verbesserung von Praxis und Organisation.

Ideen für Nachhaltigkeitsindikatoren über Umsatz, Gewinn und BIP hinaus

Die folgenden Indikatoren sind nicht als systematische nachträgliche Bewertung von Adasiyyah zu verstehen und wurden im Rahmen der Fallstudie nicht quantitativ erhoben. Sie leiten sich aus den beobachteten Entwicklungen und den beschriebenen Wirkungen ab und sollen vor allem als Anregung für Forschung und Praxis dienen.

Die Fallstudie verweist beispielhaft auf zusätzliche Kriterien, die bei der Bewertung von Fortschritt, Nachhaltigkeit und Resilienz in Landwirtschaft und Regionalentwicklung berücksichtigt werden könnten – über klassische Indikatoren wie Umsatz, Gewinn, Absatz oder BIP hinaus.

Bereich Mögliche Indikatoren
Quantitative Entwicklung – Organisation größerer Nahrungsmitteltransporte während Krisenzeiten
– Deutliche Steigerung des Wertes landwirtschaftlicher Flächen
Produktion & Versorgung – Ertrags- und Versorgungssicherheit über Jahre
– Stabilität statt kurzfristiger Spitzenwerte
– Diversität der Produktion
Wasser – Verfügbare Bewässerung
– Wasserverluste und Infiltration
– Effizienz und Aufwand der Bewässerung
Boden – Bodenfruchtbarkeit und Bodenstruktur
– Wirkung von Fruchtfolge, Mist und Gründüngung
– Langfristige Nutzbarkeit
Ökonomie – Diversifizierung von Produkten und Einkommensquellen
– Regionale Marktintegration
– Abhängigkeit von externen Inputs
Soziales & Lernen – Lokale Entscheidungsfähigkeit
– Konfliktlösung durch Beratung
– Bildungs- und Lernaktivitäten
– Beteiligung unterschiedlicher Gruppen

Relevanz

Adasiyyah zeigt, dass unter schwierigen Bedingungen ein stabiles landwirtschaftliches System entstehen kann, wenn mehrere Faktoren gleichzeitig zusammenwirken:

  • funktionierende Produktionsmethoden

  • wirtschaftliche Anreize für die Produzenten

  • lokale Selbstorganisation

  • systematischer Wissensaufbau

  • Einbindung in die Umgebung

Die hier sichtbaren Resilienzfaktoren treten auch in anderen erfolgreichen Beispielen auf und lassen sich systematisch beschreiben.

Quellen und weiterführendes Material